Chaos - 1999, Imperia/ Italien

"Wahrlich, als erstes ist Chaos entstanden, doch wenig nur später Gaia, mit breiten Brüsten, aller Unsterblichen ewig sicherer Sitz, der Bewohner des schneebedeckten Olympos, dunstig Tartaros dann im Schoß der geräumigen Erde, wie auch Eros, der schönste im Kreis der unsterblichen Götter: Gliederlösend bezwingt er allen Göttern und allen Menschen den Sinn in der Brust und besonnen planendes Denken. Chaos gebar das Reich der Finsternis: Erebos und die schwarze Nacht, und diese das Himmelsblau und den hellen Tag, von Erebos schwanger, dem sie sich liebend vereinigt."                                    (Hesoid: Theogonia)


canfari

Man muss Hesoid genau lesen. Das Chaos ist fruchtbar und die etwas ältere Kehrseite der Erde. Das Chaos ist wie die Nacht, nicht das  Gegenteil von etwas, sondern die manchmal freundliche, manchmal feindliche Voraussetzung dessen, was daraus folgt. Das Chaos liegt der Welt zugrunde, genauer zum Grunde. Dieser Grund und Boden kann fehlen.

Tegi Canfari

Dann wird die Situation prekär, wie am Beispiel seismischer Katastrophen erfahrbar ist. Denn niemand hat Herrschaft über dieses Chaos, das mit dem Erdbeben einhergeht, mit den realen und metaphorischen Erdbeben, auch nicht die olympischen Götter, trotz ihrer List und trotz ihrer Vernunft. Dagegen ist buchstäblich kein Kraut gewachsen, was schade ist für die Zauberer. Erst recht versagt davor das binär codierte, inklusiv - exklusive Denken, das Feine zur Rettung der eigenen Identität braucht. Von einem entfernten Gesichtspunkt kann man sehen, wie gerade Denken derzeit im Schlamm seiner Voraussetzungen untergeht.

Carla Cremers

Carla Cremers

Text: Dietmar Kamper, 1999